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Dr. Stephan Frucht
Interview

Interview mit Dr. Stephan Frucht, Kulturkreis der deutschen Wirtschaft

Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) e.V. ist eine überregionale Institution für den Dialog zwischen Kultur und Wirtschaft in Deutschland. Der Kulturkreis versteht sich als ein Kompetenzzentrum für unternehmerische Kulturförderung in all ihren Ausprägungen – Spenden, Stiftungen, Sponsoring, Corporate Citizenship, Public Private Partnerships etc. Neben der Förderung von jungen Künstlerinnen und Künstlern übernimmt der Kulturkreis zudem die kulturpolitische Sprecherrolle der Wirtschaft. Lorenz Pöllmann von Causales hat Dr. Stephan Frucht, Geschäftsführer des Kulturkreises, in Berlin getroffen.

Pöllmann: Sehr geehrter Herr Dr. Frucht, der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft fördert seit seiner Gründung im Jahr 1951 den Dialog zwischen Wirtschaft und Kultur. Welche konkreten Ziele verfolgt der Kulturkreis innerhalb seiner Aktivitäten?  

Frucht: Originäre Aufgabe des Kulturkreises ist die mäzenatische Künstlerförderung, da Kunst als Voraussetzung für eine verantwortungsvolle Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft begriffen wird. In den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Literatur und Musik fördert der Kulturkreis durch Vergabe von Preisen, Stipendien und Aufträgen an Künstler, mit Konzerten, Ausstellungen, Lesungen und Symposien, durch Kunstankäufe, Herausgabe von Büchern, Katalogen und Schriften. Darüber hinaus bietet der Kulturkreis durch seine Arbeitskreise kulturfördernden Unternehmen Service und Beratung an, um Sie bei Ihrer Kulturförderung zu unterstützen und so einen Beitrag zum Kulturstandort Deutschland zu leisten.

Pöllmann: Im Kulturkreis sind unterschiedliche Institutionen wie der Arbeitsring Ausland für kulturelle Aufgaben e.V. (ARA), die Kulturstiftung der deutschen Wirtschaft, der Aktionskreis Kultur, der Arbeitskreis Kunst- und Kulturstiftungen und der Arbeitskreis Kultursponsoring (AKS) vereint. Wie setzen diese Institutionen die Ziele des Kulturkreises in ihren spezifischen Aufgabenfeldern um?

Clemens Berg, Musik-Preisträger des Kulturkreises, beim Konzert mit den Bayer Philharmonikern im Erholungshaus der Bayer AG in Leverkusen. (Foto: Thomas Häntzschel)Frucht: Ich vergleiche den Kulturkreis gern mit einem Mehrspartentheater, das seinem Publikum alle künstlerischen Disziplinen in einem regelmäßigen Jahresrhythmus anbietet. Da jedoch unsere vielen Untergruppierungen, Arbeitskreise und Initiativen, die seit den 50er Jahren entstanden sind, im Außenverhältnis gelegentlich zur Verwirrung führen, ist regelmäßig eine Restrukturierung notwendig. Wir haben uns daher kürzlich neu sortiert und konnten mit unserer neuen Markenarchitektur eine einfache Beschreibung unsere Aufgabenfelder und Zielsetzungen formulieren. Demnach gibt es im Kulturkreis vier Gremien (Architektur, Bildende Kunst, Literatur und Musik), die junge Künstler mäzenatisch fördern. Daneben existieren die drei Arbeitskreise: der Arbeitskreis Kultursponsoring (AKS), der Arbeitskreis Kulturelle Bildung (AKB) und der Arbeitsring Ausland (ARA) – die kulturfördernden  Unternehmen oder Stiftungen bestimmte Arten von Service und Beratung bieten. Auf diese Weise werden wir unserem Anspruch gerecht, für alle Bereiche der unternehmerischen Kulturförderung kompetenter Ansprechpartner zu sein – auch im Hinblick auf Kulturpolitik, Corporate Cultural Responsibility und auswärtige Kultur.

Pöllmann: Mit dem Deutschen Kulturförderpreis zeichnet der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft seit 2006 Unternehmen aus, die sich durch „innovative und kreative Förderkonzepte“ verdient gemacht haben. Fördert der Kulturkreis auch direkt Künstler und Kulturprojekte?    

Jury und Preisträger des Deutschen Kulturförderpreises 2007 bei der feierlichen Preisverleihung im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin. (Foto: Thomas Häntzschel)Frucht: Die direkte Förderung von Künstlern ist geradezu die Kernaufgabe des Kulturkreises und entsprechend prominent im Artikel 1 unserer Satzung positioniert. Wir haben seit unserem Bestehen rund 1000 Einzelkünstler gefördert. Die Tatsache, dass Sie nach dem Deutschen Kulturförderpreis fragen, zeigt mir allerdings, dass offenbar ein großer Bedarf auch auf einem anderen Feld gegeben ist. Ich meine das Feld der Anerkennungskultur für kulturell-gesellschaftliche Leistungen. Ziel des Deutschen Kulturförderpreises, der an Unternehmen für herausragende Kulturförderung vergeben wird, ist eben genau die Schaffung einer solchen Anerkennungskultur. Ausgezeichnet werden daher unmittelbar diejenigen, die durch ihre Förderinitiativen erheblich zur Stärkung von Kunst, Künstlern und damit der kulturellen Infrastruktur in Deutschland beitragen. Deutschland hat auf diesem Gebiet einen gewissen Nachholbedarf, da hierzulande die Öffentlichkeit private Kulturförderer gerne erst einmal der Vereinnahmung von Künstlern bezichtigt, anstatt diesen für ihr Engagement zu danken. Die Künstler selbst, die von solchen Förderungen profitieren, sehen das heute viel entspannter und empfinden solche Vorbehalte heute zumeist als ein Relikt aus den siebziger Jahren. Für Kulturförderer ist eine Auszeichnung – wie etwa der Deutsche Kulturförderpreis – sehr wichtig. Daher haben sich auch die Süddeutsche Zeitung und das Handelsblatt bereit erklärt, als langfristiger Partner dieses Preises an der Seite des Kulturkreises zu stehen.

Pöllmann: 1996 wurde der Arbeitskreis Kultursponsoring (AKS) im Kulturkreis gegründet, in dem ein breites Netzwerk an kulturfördernden Unternehmen zusammen geführt wurde. Welche Kriterien gehören heute zum Selbstverständnis des AKS?

Auf Einladung seines Mitglieds EnBW tagte der Arbeitskreis Kultursponsoring im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM). (Foto: EnBW)Frucht: Der AKS als einer unserer drei Arbeitskreise bietet ein Forum für Unternehmen, die Kultursponsoring dauerhaft in ihre Unternehmenskultur integriert haben oder planen dies zu tun. Ziel ist es, im Kultursponsoring engagierte Unternehmen zu vernetzen, einen branchenübergreifenden Austausch zu ermöglichen, Erfahrungen zu bündeln und durch Fortbildungsangebote zur Professionalisierung des Kultursponsorings beizutragen. Zudem treten die im AKS zusammengeschlossenen Unternehmen gemeinsam für offene, faire Sponsoringbeziehungen zwischen Kultur und Wirtschaft ein – ein sehr wichtiger Aspekt des Selbstverständnisses des AKS. Desweiteren zählen u. a. die Wahrung der Kunstfreiheit und das Einstehen für nachhaltige Sponsoringbeziehungen zu den Grundsätzen des AKS. Diese sind in einem Positionspapier niedergeschrieben, das die AKS-Mitglieder gemeinsam verfasst haben, und dem sich alle Mitgliedsunternehmen verpflichtet fühlen.

Pöllmann: Welchen Nutzen haben die Unternehmen von einer Mitgliedschaft im AKS und welche Voraussetzungen sollte ein Unternehmen mitbringen, um beim AKS Mitglied zu werden?


Einige Vorstandsmitglieder des Arbeitskreises Kultursponsoring mit Prof. Peter Weibel, Leiter des ZKM. (Foto: EnBW)Frucht: Die AKS-Mitgliedsunternehmen können beispielsweise an den halbjährlich stattfindenden zweitägigen Plenumssitzungen teilnehmen, die zu verschiedenen Aspekten der unternehmerischen Kulturförderung veranstaltet werden. Hierbei findet auch der persönliche Austausch zwischen den Vertretern der Mitgliedsunternehmen statt, die in ihrem Unternehmen in unterschiedlichen Positionen für die Kulturförderung verantwortlich sind. Gerade diese Vernetzung mit anderen Experten ist für die AKS-Mitglieder im Arbeitsalltag von großem Nutzen. Ferner können die Mitglieder auf weitere Serviceleistungen zurückgreifen – wie beispielsweise den Pressedienst und Sponsoringberatung – und an zahlreichen weiteren Veranstaltungen teilnehmen. Zudem leistet der AKS Öffentlichkeitsarbeit, um das unternehmerische Engagement auf dem Gebiet des Kultursponsorings stärker bekannt zu machen, und setzt sich für geeignete politische Rahmenbedingungen ein. Um Mitglied im AKS zu werden, sollte das Unternehmen selbst aktiv Kulturförderung betreiben bzw. dies planen, dies zu tun, und sich mit den Positionen des AKS identifizieren können.

Pöllmann: Die Expertenbefragung der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ hat gezeigt, dass die Meinungen zur Zukunft des Kultursponsorings deutlich auseinander gehen. Wie wird sich die Bedeutung von Kultursponsoring in den Unternehmen Ihrer Einschätzung nach in den nächsten Jahren entwickeln?

Frucht: Zum Kultursponsoring gibt es so viele Meinungen, wie es Unternehmen gibt. Die Ausarbeitung der Enquete-Kommission, an der ich übrigens in der 15. Wahlperiode mitgewirkt habe, wirft hier trotz vieler wichtiger Erkenntnisse auch einige Fragen auf. Schließlich unterliegen Notwendigkeit und Akzeptanz von Kultursponsoring einem gesellschaftlichen Prozess. Unserer Meinung nach ist Kultursponsoring inzwischen ein etabliertes Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das in Zukunft noch stärker an Bedeutung gewinnen und entsprechend weiterhin professionalisiert wird. Wir alle sollten die Unternehmen daher ermutigen, ihre Sponsoringaktivitäten auszubauen. Als Argument hierfür sollten allerdings nicht die leeren öffentlichen Kassen herhalten. Vielmehr geht es mir darum, dass aus Sicht der Künstler jede Bereitschaft zum Sponsoring besser ist als deren Verweigerung.

Pöllmann: Herzlichen Dank für das Interview, Herr Dr. Frucht.

 
www.kulturkreis.eu